Kühner Geist im klassizistischen Gewand - das
Volkart Haus
Von Xavier Bellprat
Anfang des 20. Jahrhunderts von den Architekten Ernst Jung und Otto Bridler als erster eigener Unternehmenssitz für das Welthandelshaus Volkart erbaut, präsentiert sich das Volkarthaus nach aussen als solider "Handelspartner" traditionsbewusst im neugotischen Stil. Eine Fassade, die von Verlässlichkeit, Erfolg, Wertkonservativismus und Mittelalterbegeisterung spricht. Ein Haus, von dem man auf den ersten Blick nicht vermutet, dass es spannungsreicher Ort von Gegensätzen ist.
Der erste auffällige Kontrast wurde ihm von seinen Erbauern mitgegeben, er steckt in der baulichen Konzeption und verblüfft den Besucher gleich nach dem Hereinschwingen durch die Drehtür. Es ist der zwischen einem trutzigen, fast biederen Äusseren und einem unvermutet lichten Inneren. Das Haus überrascht den Besucher mit der an diesem Ort unerwarteten, damals äusserst modernen, Formensprache des Jugendstils, kombiniert mit avantgardistischen Stahlkonstruktionen. Auffällig ist die genietete Eisenkonstruktion von Treppe und Galerie, bei der ebenso wie beim Glasdach des geräumigen Lichthofes, die Konstruktion als ästhetisches Moment in die künstlerische Gestaltung des Innenraumes mit einbezogen wurde.
Steht die Fassade für Präsentation und Repräsentation, dann steht das Innere für Innovation und Kreation. Ein von den Erbauern eröffnetes Spannungsfeld, dessen Potenzen bis heute fortbestehen. Erbgut, Gene gleichsam, die durch die wechselnde Nutzungen weitergewirkt haben und die Atmosphäre des Hauses bis heute bestimmen.
Nachdem das Haus bis 1928 das Unternehmen Volkart beherbergt hatte, wurde es viele Jahre von der Schweizerischen Unfallversicherung SUVA genutzt, bevor es 1995 wieder an Volkart überging. Es war Andreas Reinhart, der die Richtung für den dann vorgenommenen behutsamen Umbau vorgegeben hat. Durch den Einbezug des Dach- und des Kellergeschosses sollte nicht nur die Nutzfläche beträchtlich vergrössert werden, darüber hinaus sollte auch eine besondere Philosophie das Haus mit dem kühnen Geist im klassizistischen Gewand erfüllen.
Es ging darum, nicht nur eine vorbildlich gesundheitsverträgliche Arbeitsumgebung zu schaffen, sondern auch ein inspirierendes Umfeld. Ein Terrain der Möglichkeiten. Eine Atmosphäre, die den Dialog zwischen den im Haus angesiedelten Institutionen und Unternehmungen, das heisst, zwischen den Menschen, die hier arbeiten, fördert. So kam es zu einem weiteren verblüffenden Kontrast. Neben das intakte, erhaltene Alte trat das Neue. Denn durch die Renovation wurde aus einem inzwischen fast einhundert Jahre alten Unternehmenssitz ein hochmodernes, intelligentes Gebäude. Elektrobiologisch durchdacht, nach den neuesten Grundsätzen des natürlichen Bauens konzipiert und mit einer komplexen Sensorik ausgestattet, die das Klima im Haus reguliert. Dazu kam noch eine durch das ganze Haus gesponnen Vernetzung, die das Arbeiten mit modernster Kommunikationstechnologie ermöglicht. High Tech in historisierender Hülle.
Unter dem Dach mit dem geschwungenen Giebel vereint
das Haus heute die unterschiedlichsten Nutzungen. Kommerz, Kreation
und Kultur existieren in dem nach dem Umbau zum Volkarthaus gewandelten
Gebäude. Hier wird entworfen, konstruiert, kalkuliert, administriert
und kommuniziert, aber auch exponiert, rezipiert und rezitiert.
Mit der "Coal Mine Gallery, Book & Audio Bar" in den
Kellerräumen des Hauses wurde ein Wohnzimmer geschaffen, welches
nicht nur den Nutzern des Hauses, sondern auch Besuchern von Aussen
offen steht. Es gibt eine Bibliothek mit moderner Literatur und
Philosophie, die als geselliger Treffpunkt, aber auch für Lesungen
und Vorträge genutzt wird. Und daneben eine Galerie, die regelmässig
zu Vernissagen mit zeitgenössischer Fotokunst einlädt.
So wurde das Haus zu einer Arbeitsheimat mit kultureller Schnittstelle
zu den Bewohnern von Winterthur und den Gästen der Stadt. Darüber
hinaus aber ist es vielmehr als die Summe dieser Teile: ein Gewächshaus
für Konstruktion und Kreation.
|