Zur Geschichte des Volkart Hauses
Das in den Jahren 1904 und 1905 im Auftrag von Volkart entstandene Bürogebäude ist eines der letzten Werke, das von den Architekten Ernst Jung (1841-1912) und Otto Bridler (1864-1938) zusammen entworfen und ausgeführt wurde. Die Arbeitsgemeinschaft der beiden begann im Jahre 1888 und dauerte bis 1907, als sich der Ernst Jung aus dem aktiven Berufsleben zurückzog. Bereits vor dieser Zeit hatte sich der aus Basel stammende Jung einen Namen in Winterthur gemacht, wo er sich schon 1869 als selbständiger Architekt niedergelassen hatte. Bald wurde er zum bevorzugten Baukünstler für Villen der Industriellen, den damals bestimmenden Kräften der Stadt. Gemeinsam mit Bridler schuf er 17 Villen, weitere 10 entstanden schon vor 1888. Daneben entwarf und realisierte Jung aber auch Arbeiterhäuser, öffentliche Gebäude und Geschäftshäuser wie das Volkarthaus. Das Volkart-Gebäude mit seiner kunstvollen Synthese aus Neugotik und Jugendstil stellt im Schaffen von Jung und Bridler einen Höhepunkt dar.
Beeinflusst durch die beiden prägende Stile jener Zeit, den angelsächsischen Tudor-Stil und den gotisierenden Jugendstil, steht das Volkarthaus im Repräsentationsvillen zwischen beiden Richtungen. Das Bestreben der Architekten ging wohl dahin, durch Asymmetrien, Staffelung der Horizontalen und vortretende Gebäudeteile die Vorstellung des organische Gewachsenen zu evozieren. Und doch verleiht die hohe Ausnutzung der Parzelle dem Bau einen komprimierten Charakter.
Der Jugendstil im Gebäude-Inneren kündigt sich an den Pfeilern der Einfriedung an. Im Unterschied zum Äusseren zeigen die Grundrisse symmetrisierende Tendenzen. Die Aufrisse des Lichthofs werden gleichmässig gegliedert. Grosses asymmetrisches Motiv ist die Freitreppe zur Galerie des 1. Obergeschosses. Diese Treppe vereint Avantgardistisches mit Traditionellem: Der Charakter der Stahlkonstruktion wird durch Nieten ästhetisch überhöht, während die steinernen Stufen und Säule auf Pontile-Anlagen romanischer Dome zurückzuführen ist. Ausgesprochen reizvoll ist auch der Dialog des Kalksteins. Am Gebäudeäusseren erscheint er in grober Bossierung, im Lichthof behauen, gestockt, poliert und mit Marmoroberflächen-Wirkung kombiniert. Bestimmend für die Grosszügigkeit des Lichthofs ist neben der ruhigen Gleichmässigkeit der Aufrisse die Helligkeit des weit gespannten Glasdaches, dem durch seine leichte Stahlkonstruktion geometrisierend-dekorative Wirkung zukommt.
Hinzuweisen ist auch auf die Anordnung und Ausstattung der einzelnen Büroräume. Besonders reich ist letztere im 1. Obergeschoss anzutreffen, das sich bereits durch den theatralischen Aufgang über die Erschliessungsgalerie als Bel Etage auszeichnet. Die Südseite nahm in ihren äusseren Teilen die Privatbüros von Georg Gottfried Volkart und Theodor Reinhart auf, die zur Zeit der Bauplanung Teilhaber der Firma waren. Mit ihren Täfern, Wandschränken, Radiator-Verkleidungen, Stuckdecken und Cheminées zeugen sie von einer Wohnkultur, die grossbürgerliche Vorstellungen mit künstlerischem Anspruch zu vereinen sucht.
Die Architektur eines Gebäudes wird nicht einfach nur aus losgelösten formalen Überlegungen heraus zu verstehen sein, sondern im Sinne einer Annäherung erst im Zusammenhang mit Fragen der Nutzung und ihrer zeichenhaften Überhöhung. Als Geschäftshaus einer weltumspannenden Firma hatte das Volkart-Gebäude die notwendigen Räume aufzunehmen, aber auch zu repräsentieren. Dem Vorbeigehenden prägte sich der Bau durch seine burgartige Haltung ein, die auf Sicherheitsdenken und Macht hinweist, den eintretenden Besucher überraschte er durch Innovationsfreude. Die konservative Hülle zur Stadt hin mag auch damit zusammenhängen, dass man den Einwohnern die Begegnung mit dem allgemein als fremdartig betrachteten Jugendstil ersparen wollte.
In einem symbolhaften Zusammenhang zur Bauaufgabe Handelshaus können die Türen zu den Geschäftsräumen und die Wendeltreppe gesehen werden. Hinter dem Gitter des Hauptportals macht sich mit der Drehtüre und den Schwingtüren im Lichthof Durchlässigkeit und Geschäftigkeit breit Die verglasten Fronten tragen zusätzliches Licht hinein und hinaus. Die Wendeltreppe kürzt die Wege ab. Bei Hamburger Kontorhäusern wird diese eher als Symbol der Gemeinschaft und der Bewegung der Weltwirtschaft denn als reales Verkehrsmittel gedeutet. Dort finden sich auch Parallelen zur Drehtüre und den Schwingtüren.
In seiner 1931 publizierten Autobiographie hat Georg Reinhart den Grundriss des Gebäudes als verfehlt betrachtet. Bei diesem Urteil wäre allerdings der Frage nachzugehen, ob es nicht zur Rechtfertigung des 1928 bezogenen Neubaus beitragen sollte. Als die Firma 1931 erstmals nicht in der Lage war, dem Personal einen Bonus auszuzahlen, wurde das in einen Zusammenhang mit dem imposanten Neubau gesetzt ("Bonus-Mausoleum"; Volkart, Die Geschichte einer Welthandelsfirma, Frankfurt/Winterthur 1989/91, S. 208). Nach Georg Reinhart hatte beim Volkart-Gebäude von 1904-1905 die grosse Zahl geschlossener, aber kleiner Büros statt grosser, durchgehender Räume dazu geführt, dass sich die einzelnen Abteilungen und deren Chefs voneinander abkapselten. Das an sich schon schwierige Verhältnis zwischen dem Vater und dem Onkel von Georg Reinhart sei durch die räumliche Anordnung ihrer Privatbüros an den entgegengesetzten Enden der Südfront zusätzlich erschwert worden. Immerhin lobt der Autobiograph das kleine, aber sehr behagliche Zimmer, das er neben dem Büro seines Vaters zugeteilt bekommen hatte, "das nach Süden ging und das mit gelbrotem Kirschbaumholz getäfelt war, auf dem ein Gladiolenstilleben von Renoir sehr schön hing."
Das Volkart-Gebäude an der Turnerstrasse ist sowohl aus historischen als auch aus architektonischen Gründen ein Denkmal von nationaler Bedeutung. 1905 wurde es als erstes für diesen Zweck erbautes Bürogebäude der Firma Gebrüder Volkart bezogen. Es repräsentiert den grossen Aufschwung der Welthandelsfirma für die Zeit bis 1928, als das zweite Bürogebäude von Rittmeyer und Furrer errichtet wurde. Architektonisch tritt der Bau durch den für die Schweiz einzigartigen Jugendstil-Lichthof hervor, auf den der Lichthof der Universität Zürich von Karl Moser und die Oberlichtsäle der Kunstmuseen Zürich (Karl Moser) und Winterthur (Rittmeyer und Furrer) folgen. In der Verzierung von Verputz, Pfeilern, Treppensäulen und Geländern äussert sich die vegetabile Richtung des Jugendstils. Der Bau als Gesamtes erhält seine Spannung durch den Dialog von Neugotik und Jugendstil, von Konstruktion und Dekoration, von grossbürgerlicher Bürokultur und reformerischem Anspruch.
(Aus dem Gutachten zur Schutzwürdigkeit des Volkarthauses, erstellt im April 1993 von Dr. Luzi Dosch, Büro für Kunstgeschichte, Reichsgasse 10, 7000 Chur, im Auftrag der Abteilung Denkmalpflege der Stadtgemeinde Winterthur.) |